Rezension: Educated von Tara Westover

Was kann aus einem Menschen werden, dessen Mutter sich nicht an das Geburtsdatum ihrer Tochter erinnert, als diese im Alter von neun Jahren eine Geburtsurkunde bekommen soll? Einem Mädchen, das zu Hause „unterrichtet“ wird – jedoch nicht in Mathematik, Geographie, Geschichte, Naturwissenschaften, Rechtschreibung und Grammatik, sondern in Homöopathie, Geburtshilfe und den Schriften von Joseph Smith und Brigham Young. Wie entwickelt sich eine junge Frau, die von ihrem Vater gegängelt, von ihrer Mutter eher ignoriert denn gefördert und von einem ihrer Brüder mit Gewalt terrorisiert wird? Was macht es aus einer Tochter, die sich ständig dem kontrollierenden, impulsiven Vater und einem gewalttägigen Bruder unterwerfen muss?

I opened my math book and and spent ten minutes turning pages, running my fingers down the center fold. If my finger touched fifty pages, I’d report to Mother that I’d done fifty pages of math.

Klingt krass und alles zusammen auch etwas übertrieben? Die Autobiographie von Tara Westover, Educated, beschreibt all das und noch viel mehr. Wie so oft ist die Wahrheit intensiver und weit bitterer als man sie sich fiktiv hätte vorstellen können.

Westovers Eltern sind Mormonen in Idaho. In Deutschland denken wir bei Mormonen oft an Männer mit mehreren Frauen und unzähligen Kindern. Die Westovers praktizieren zwar die (aktuell ohnehin verbotene) Mehrehe nicht, leben jedoch einen radikalen Glauben, in dem ein Mädchen mit ärmellosem Top oder einem Rock, der oberhalb des Knöchels endet, als Hure betitelt wird. Sie misstrauen Ärzten, der Schulmedizin, staatlichen Schulen und der Regierung. Taras Vater ist ein verbissener Prepper, der Waffen für den Tag des Jüngsten Gerichts hortet und sich weigert, seine Kinder zur Schule gehen zu lassen.

I don’t understand why I wasn’t allowed to get a decent education as a child.

Tara muss – trotz aller Gefahren – auf dem Schrottplatz ihres Vaters aushelfen. Doch durch einen ihrer älteren Brüder lernt sie, dass Schule und Bildung nicht zwingend das Böse sind. Sie beginnt, sich selbst zu bilden und bereitet sich auf die Prüfung vor, mit der sie Zugang zu Hochschulbildung bekommen soll. Obwohl sie zeitlebens so indoktriniert wurde, dass Bildungseinrichtungen von den Illuminati durchzogen seien, die „auf der Gehaltsliste des Teufels“ stünden. Obwohl für Taras Vater Universitäten Orte für Leute sind, die „zu dumm sind, um beim ersten Mal zu lernen“.

Ich fragte mich, wie sie lesen gelernt hat. Ich fragte mich, woher sie das Geld hatte, um sich Schulbücher zu kaufen. Sie bereitet sich (ohne jemals eine Prüfung absolviert zu haben) auf die Zulassungsprüfung zur Uni vor. Doch niemand bereitet sie darauf vor, wie es ist, zu lernen oder zu studieren. Wie man dazugehört. Wie man sich auf einen Test vorbereitet, das Lehrbuch liest, Notizen macht, einen Aufsatz schreibt. Es ist beeindruckend, wie sie das alles lernt – zum Großteil, ohne um Hilfe zu bitten.

Ich halte generell nicht viel von Homeschooling und aus meiner Sicht gibt es sehr gute Gründe dafür, dass es in Deutschland nicht erlaubt ist. Ja, es gibt Staaten in den USA und anderswo, in denen das alles deutlich strenger gehandhabt wird, aber es gibt Schulen eben auch nicht nur, damit alle Schüler gleichzeitig auf Seite 16 der Fibel mit dem Finger die Zeilen entlang fahren.

Ich habe viel darüber nachgedacht, was Loyalität ist. Tara geht immer wieder auf ihre Familie zu – und mehr als einmal habe ich laut gesagt „bleib weg, lass es!“. Taras Welt bedeutet, dass Loyalität gegenüber der Familie an erster Stelle steht. Auch wenn ihr das nicht gut tut, auch wenn es sie mental und körperlich kaputt macht. Ich war oft fassungslos.

Educated lag schon sehr lange auf meinem Bücherstapel. Der Zettel mit dem Titel war lange in meiner Dose mit den zu lesenden Büchern für die Zeiten, wenn ich mich nicht entscheiden kann, was ich als nächstes lesen möchte. Ich wusste, dass ich es lesen wollte, wusste aber gleichzeitig auch, dass es schwere Kost sein würde. Es hat sich gelohnt und lässt mich nachdenklich zurück.

Ich gebe dem Buch vier von fünf Schulbüchern.

3 Gedanken zu “Rezension: Educated von Tara Westover”

  1. Pingback: Sprachsnack: Fünf buchige Wörter aus aller Welt | Coffee to stay

  2. Pingback: Querfeldein und bunt: Monatsrückblick August | Coffee to stay

  3. Pingback: Querfeldein und bunt: Monatsrückblick August - Coffee to stay

Schreibe einen Kommentar