Wir sitzen im Café, vor uns die Tassen mit dampfend heißem Cappuccino. Ich mit Hafer, Du mit Kuh. Wie immer. Als Du nach dem ersten Schluck hinter dem großen Becher wieder auftauchst, hast Du Milchschaum an der Lippe und erinnerst an Heiner Brand. Ich muss lachen.
Ich wärme meine Hände an dem bauchigen Becher und freue mich, dass wir noch einen Platz in der Ecke des Hipster-Cafés ergattern konnten. Neben uns zwei Frauen Anfang 40. „Endlich trocken,“ sagt die eine und fährt sich durch ihre kurzen dunklen Haare. Ihre Freundin brummt zustimmend, während die Brille über dem Tee beschlägt.
Ich pflücke kleine Stückchen meiner noch ofenwarmen Zimtschnecke ab. Der Duft nach Butter, Zimt und Kardamom umhüllt mich. Du isst ein belegtes Brot mit Käse, Salami und Salat. Die blonde Frau neben uns schaut gedankenverloren der regennassen Straßenbahn nach, die am Café vorbeifährt. Und während auch Du in Deiner ganz eigenen Welt bist, traue ich mich, Dir ein Gürkchen zu stibitzen.
Ich betrachte die Menschen um uns herum. Studenten drängen sich auf einer Bank um eine schon gut gelesene Zeitung. Brauchen sie eine Wohnung? Ein Event fürs Wochenende? Hat einer sich in den Öffis verguckt und sucht nach einer Nachricht der vermeintlichen Traumfrau?
Ein Paar mit Kleinkind an einem anderen Tisch. Der Junge trinkt Kakao und findet das herrlich. Die Mutter wirkt müde, der Vater gehetzt.
Einen Tisch weiter noch ein Paar. Nein, ein erstes Date. Und ihrer Körpersprache nach wird es dabei bleiben.
Eine junge Frau liest ein Buch und stochert völlig absorbiert in der Geschichte in ihrem Karottenkuchen. Immer wieder lächelt sie, ab und an legt sie die Gabel zur Seite und markiert Stellen im Text mit bunten Kleberlis.
Es ist selten geworden, dass wir beide so richtig im Moment waren.
abc.Etüden

Das war mein erster Versuch an den abc.Etüden von Christiane vom Blog Irgendwas ist immer teilzunehmen. Pro Etüde werden drei Worte vorgegeben, die sich im Text in bis zu 300 Wörtern wiederfinden müssen. In diesem Monat galt es, die Wörter Milchschaum, trocken und stibitzen unterzubringen.
Danke an den Blog Der Keks und seine Krümel, über die ich dieses Format gefunden habe.
Hey, Carina, dann willkommen bei den Etüden-Verrückten – in der Hoffnung, dass das nicht nur ein einmaliger Ausflug war, sondern dass du häufiger Lust hast, kurze Geschichten zu schreiben und „meine“ Etüden-Wörter darin unterzubringen!
Deine Geschichte gefällt mir sehr gut und macht auch sehr nachdenklich. Im Grunde beobachte ich oft Ähnliches oft. Cafés – okay, da fällt die Ablenkung leicht. Aber mit einem persönlichen Gegenüber, wo man sich einfach „nur“ Mühe geben muss, sich auf die*den anderen einzulassen und gemeinsam auf derselben Welle zu schwingen? Bedenklich, wenn man da selten im (gleichen) Moment ist.
Na, egal. Noch mal ein herzliches Willkommen und einen schönen Sonntag! 😀
Hach, wie schön. Ich mag deinen Blick für Details.
Es fühlt sich seltsam an, ganz langsam wieder in die Welt des Schreibens gezogen zu werden. Surreal aber schön 🙂
Ganz genau so geht es mir auch. Aber während ich schrieb, umwarf, strich und ergänzte kam die Lust am kreativen Schreiben sofort zurück.
Schreiben hat ja sehr viel mit Beobachten zu tun. Schönes Beispiel dafür!
Herzlichen Dank für die lieben Worte!
diese kleine schilderung habe ich sehr gern gelesen … ich bin direkt hineingezogen worden in diesen ruhigen, langsam alles aufnehmenden blick hineingezogen worden. 🙂
liebe grüße, andrea
Toll erzählt, ich war sozusagen mit im Café.
Oh das freut mich, vielen Dank 😊
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Sehr atmosphärisch und ja, ich hätte dort auch sehr gern ein Stündchen gesessen! Zumal ich mittlerweile in einem Dorf mit 24 Häusern wohne… Jedenfalls habe ich mich eben gefreut! Grüße von sugalini
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