Eines vorweg: Ich fahre gerne mit dem Auto. Ich mag es, unabhängig von Fahrplänen, Weichenstörungen und anderen Fahrgästen zu sein. Einmal im Jahr treffe ich jedoch meine beste Freundin zusammen mit unseren beiden Töchtern. Und da von uns vieren nur ich einen Führerschein habe, reisen wir mit der Bahn an und sind vor Ort mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Das funktioniert an sich gut.

Die Schildkröte
Die erste große Umstellung ist „wir müssen jetzt wirklich los“ an der Haustür, denn sonst fährt die Bahn eben ohne uns und wir stehen da. Die zweite: das Gepäck. Vor etwas mehr als einem Jahr, als wir zum ersten Mal dieses Treffen planten, habe ich mir einen Rucksack gekauft, der theoretisch Platz böte für einen Laptop, mit einem Fach für Schuhe unten, einem Fach, das sich seitlich komplett öffnen lässt wie ein Koffer. Der Rucksack hat sogar noch eine Falte, um ihn zu vergrößern. Ich nenne das Teil „die Schildkröte“, denn wenn der Rucksack fertig gepackt und auf meinem Rücken ist, kann ich mich in der Bahn nicht mehr umdrehen, ohne andere Fahrgäste zu Kegeln zu machen. Allerdings ist es praktisch, das Gepäck auf dem Rücken, das Kind an der Hand und die Karre unter dem anderen Arm zu haben.
Autofahren ist entspannt, weil ich mitnehmen kann, was ich möchte, so viel ich möchte und in der Theorie auch so gepackt wie ich es möchte. Klar bin ich auch schon mit IKEA-Taschen verreist, um größere Babyausstattung mitzunehmen.
„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“
Theodor Fontane*
Zwischen brauchen und wollen

Unterwegs merke ich immer wieder, wie wenig ich eigentlich brauche. Ich habe nur ein Buch auf Papier dabei (die Zeiten, in denen ich noch zwei weitere mitbrachte, falls ich das erste ausgelesen hätte und das zweite doof fände, sind erst einmal vorbei), ziehe den gleichen Pulli auch am nächsten Tag noch einmal an und manchmal reicht eben auch das Paar Schuhe, das ich an den Füßen trage. Little Miss Coffee2Stay muss sich auf ein Kuscheltier beschränken, zwei Malbücher und ein oder zwei kleine Spielzeuge.
In der Unterkunft angekommen reicht mir ein Shampoo (statt einer kleinen Auswahl), eine Handcreme, ein Lidschatten. Ich kuschle mich in die eine Decke, die auf dem Sofa liegt. Bin ich denn sonst wirklich so verwöhnt?
Es ist befreiend, in einem enger gesteckten Rahmen zu sein. Weniger (dabei) haben schafft Luft zum Atmen. Doch warum können wir das zu Hause nicht umsetzen? Mir geht es doch nicht darum, Besitztümer anzuhäufen. Ich möchte es schön haben, gemütlich haben. Ich mag es, gute Bücher um mich zu haben, zu wissen, dass ich in den Schrank greifen kann nach der neuen Zahncreme, wenn die alte Tube leer ist. Ich erfreue mich an Mitbringseln von Reisen, versuche mich seit einem Jahr wieder an mehr Zimmerpflanzen (und es klappt!) und gönne mir ab und an höherpreisige Deko. Ich mag das. Ich brauche es nicht.
Was muss sein?
Ich überlege immer und immer wieder, was ich mitnehmen müsste, wenn wir von jetzt auf gleich das Haus verlassen müssten. Und es ist nicht die siebte Vase, nicht der fünfte Kerzenhalter. Es ist im Zweifel noch nicht mal die zweite Winterjacke.
Das Leben ist leichter, wenn weniger visual clutter, also optische Unordnung, herrscht. Wenn ich jederzeit einfach machen kann, ohne mir einen Platz zu schaffen. Wenn der Papierkram schon erledigt und abgeheftet ist. Wenn der Wäscheberg nicht vorwurfsvoll in Richtung Waschmaschine zeigt (also nach der Rückkehr von der Reise). Optische Unordnung stresst. Und so überlege ich einmal wieder, was ich wirklich brauche. Was aus dem Sichtfeld kann. Was komplett weg kann. Und erstelle gleich mal wieder ein paar Kleinanzeigen.
*Dieses Zitat habe ich bei der wunderbaren Anna Koschinski in einem ganz anderen Zusammenhang gelesen und für sehr passend befunden.
Haha, aber hier passt es auch sehr gut! Danke für den Ping – liebe ja die gute alte Vernetzung über die Blogs 🙂
Sehr gerne!
Wir sind die letzten Male auch nur noch mit Handgepäck verreist. Gut, es waren je 4 Tage, aber wenn wir mit dem Auto Freunde in Frankfurt besuchen, dann haben wir auch deutlich mehr mit. Alleine die Kinder packen sich mehr zur Beschäftigung ein. Aber für die Kurztrips haben wir gemerkt: Man trägt nicht jeden Tag ein neues Outfit, meist sogar nur das Lieblingsoutfit und brauchts zur Sicherheit eine Alternative (und natürlich frische Wäsche), Zahnbürste und Co… ein Buch wenn überhaupt, weil man kommt ja eh nicht wirklich dazu usw… Und man muss nicht großartig lange warten an vielen Stellen. Ich liebe es minimalistisch zu reisen.
Genau das. Es geht – man muss sich nur trauen und das machen.
Aaaaalsooo,
ja, du hast recht. Mit allem, was du schreibst. Natürlich.
Das fängt bei den Paddeln an (wie cool sind die denn bitte?) und es endet mit dem siebten Kerzenständer.
Ich brauche mittlerweile auf Reisen deutlich weniger als noch vor Jahren, denn ich packe meinen Koffer immer passend (will sagen, dass man fast alles untereinander kombinieren kann). Ich habe in der Regel ein Paar gut zu laufende Schuhe dabei, in Ausnahmefällen auch mal zwei oder drei. Mein Beautycase ist minimal bestückt, aber es reicht zum Wohlfühlen.
Ich brauche zu Hause eine gewisse Blickordnung, ohne pingelig aufgeräumt zu sein.
Dennoch finde ich: Wenn du Spaß an der 52 Decke, dem 780. Kerzenhalter, 270 Büchern um dich herum hast, dann ist das ok. Denn du schadest damit weder dir noch anderen.
Es ist aber ein gutes und befreiendes Gefühl zu wissen, dass wir mit weniger KÖNNEN. Und glaube mir, dann wissen wir auch, dass Vasen beim Haus verlassen eher hinderlich sind.
Ein sehr schöner Beitrag von einem sehr schön reflektierten und gefühlvollen Menschen.
Ganz liebe Grüße von Kerzenhalterbesitzerin zu Kerzenhalterbesitzerin
Nicole
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