There once was a girl who became invisible so that her words might not be.
Ich habe Jodi Picoult früher extrem gerne gelesen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie wunderbar sie ihre tiefgründige Recherche so in die Geschichten einfließen lässt, dass ich nebenher einen Lerneffekt habe. In den letzten Jahren fand ich ihre Romane allerdings etwas anstrengender, ein Buch war antichronologisch erzählt, bei einem anderen sprang sie aus meiner Sicht zu oft zwischen den Perspektiven hin und her. By Any Other Name erinnert mich wieder an ihre früheren Geschichten. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, Melina und Emilia. Sie sind entfernte Verwandte, beide schreiben Theaterstücke – allerdings trennen sie knapp 500 Jahre.

Wer ist Emilia Bassano?
Es gibt die Theorie, dass William Shakespeare seine Werke nicht selbst geschrieben hat. Und dafür spricht einiges. In seinem Nachlass gab es keine unvollendeten Stücke. Er hat nicht mit anderen Dramatikern kooperiert. Neben seinem Vollzeitjob als Schauspieler soll er 38 Bühnenstücke, unzählige Gedichte und Sonetten geschrieben haben. Es scheint unrealistisch. Jodi Picoult greift in By Any Other Name die Theorie auf, dass Emilia Bassano der schlaue Kopf hinter den Stücken gewesen sein könnte. Emilia war die erste Frau, deren Gedichte in England veröffentlicht wurden – und doch war es im 16. Jahrhundert für Frauen geradezu unmöglich, zu schreiben und Werke zu veröffentlichen.
She saw a young boy, likely covering one of the female parts, in the wings of the stage. He thrust a cushion under his skirts, creating a pregnant belly. How charmed a life: to play at being a woman yet take off the costume at the end of the day and go about the world with the privileges of a man.
S. 93
Die andere Frau im Mittelpunkt des Romans ist Melina Green, eine junge Bühnenautorin. Sie ist eine entfernte Verwandte von Emilia Bassano und genau wie bei ihr scheint ihr Geschlecht im Weg ihres Erfolges zu stehen. Melina schreibt ein Stück über Emilia Bassano und durch eine Verquickung mehrerer Umstände wird dies unter dem Namen ihres männlichen Mitbewohners für ein Festival eingereicht und geprobt.
Since 2020, Broadway has faced a reckoning about inclusivity and diversity. Although there have been slight gains for some marginalized groups, with more BIPOC and queer playwrights being produced, women have been left behind. In the presence of gains for these other deserving writers, female creators are understandably reluctant to say that they’ve been leapfrogged – once again – because doing so reinforces the stereotype that they are whining.
S. 316

Alles ist politisch
When women talk twenty-five percent of the time in a room, people think it feels balanced. If they talk twenty-five to fifty percent of the time, it’s seen as monopolizing the discussion.
S. 53
Jodi Picoult hat sich in der Vergangenheit sehr offen gegen Donald Trump und Ron DeSantis ausgesprochen – insbesondere gegen dessen Verbote bestimmter Bücher in Schulen in Florida. Dazu gehörten auch 20 ihrer Romane, die als Liebesromane für Erwachsene bezeichnet wurden. Dass das einerseits unmöglich und andererseits lachhaft ist, ist klar. Denn in The Storyteller geht es beispielsweise um die Aufarbeitung des Holocaust, in 19 Minutes um einen Amoklauf an einer Schule. Picoult macht sich mit ihren Romanen sicher nicht nur Freunde, schrieb sie in den letzten Jahren über Themen wie Rassismus in den USA, Abtreibungen oder Transgender-Rechte. In früheren Büchern ging es um Elefanten und Wölfe, um die Glasknochenkrankheit Osteogenesis Imperfecta und um das ethische Dilemma von Lebend-Organspenden zwischen Geschwistern.
Und so ist auch dieser Roman einer, bei dem es viel zu lernen gibt. Und ja, ein gewisser Feminismus zieht sich durch das Buch. Allerdings wirkt es nicht aufgesetzt oder bemüht. Und als Frau in einer stark männlich dominierten Branche, konnte ich mich mit einigen der Erfahrungen sehr gut identifizieren.
Besonders gut gefiel mir, dass Jodi Picoult in den Emilia-Kapiteln immer wieder Shakespeare-Zitate in Dialoge eingebaut hat – zum Nachlesen gibt es hinten im Buch ein Kapitel mit den Hinweisen, welches Zitat aus welchem Werk kommt.
Ich gebe By Any Other Name 4 1/2 von 5 Tintenfässchen.
Du wirst das Buch mögen, wenn
- Du Romane über von der Geschichte übersehene Frauen magst
- Du der Meinung bist, dass Frauen keine Menschen zweiter Klasse sind
- Dich Literaturgeschichte interessiert
Lust auf noch mehr Bücher über übersehene Frauen?
In The Instrumentalist von Harriet Constable geht es um Anna Maria della Pietà, Mentee von Antonio Vivaldi und Maestra.
In Marie Benedicts The Only Woman in the Room geht es um Hedy Lamarr.
Marie Benedict hat außerdem Rosalind Franklin in Her Hidden Genius unsterblich gemacht, die Frau, die DNA entdeckt hat (und nicht den Nobelpreis dafür bekommen hat).
Stephanie Dray hat mit Becoming Madam Secretary ein spannendes Buch über Frances Perkins, die erste weibliche US-Arbeitsministerin unter Franklin Delano Roosevelt, geschrieben.
Mir ging es mit ihr wie dir. Habe viel gelesen und dann war die Luft raus. Ein bisschen reizt du mich, es wieder zu versuchen…
Danke für die Vorstellung und ich freue mich sehr, dass das Buch dich wieder abgeholt hat.
Ganz liebe Grüße
Nicole
Beim Book of Two Ways habe ich schon lange gelesen, aber Mad Honey zog sich wie… naja Honig. Da hatte ich den Eindruck, dass es ihr mehr um das Thema als um die Geschichte ging. Dieses könnte Dir wieder gefallen.
Liebe Grüße
Carina
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