Eine Tasse Kaffee lang politisch: Greg

    Wer ist Greg?

    Ich bin gebürtiger Allgäuer, der im Rahmen von Zivildienst, Ausbildung, Studium und Arbeit über 15 Jahre lang in sechs Bundesländern gelebt hat und damit verbunden gravierende Unterschiede in der Lebensqualität erfahren hat. Als „Spätheimkehrer“ bin ich froh, wieder im Allgäu zu leben und genieße dieses Privileg. Mit 11 Jahren war ich so lesesüchtig, dass meine Eltern mir das Lesen von mehreren Büchern gleichzeitig verboten. Meine Lieblingsautor*innen sind inzwischen Wolfgang Schmidbauer, Jean Ziegler, George Orwell, Anthony Burgess, Aldous Huxley, Ray Bradbury, Hunter S. Thompson, Jack Kerouac, Michel Houellebecq, Chuck Palahniuk, Bret Easton Ellis, Irvine Welsh, Hubert Selby Jr., Catherine Breillat, Virginie Despentes u.a.

    Dystopien und gesellschaftskritische Bücher sind mein Steckenpferd, auch wenn ich seit Langem ein passionierter Cineast bin und nicht mehr allzu viel lese. Zur Zeit sind es eher Nachrichten, Sachbücher, Fachliteratur – und ich versuche mich gerade perspektivisch mit feministischer Literatur zu beschäftigen.

    Was war der konkrete Auslöser, der dich dazu gebracht hat, jetzt einer Partei beizutreten?

      Kurz vor den Europawahlen 2024 begann ich, mein Wahlverhalten hinsichtlich des Rechtsruck in der Parteienlandschaft zu hinterfragen. Warum sollte ich immer nur etablierte Parteien wählen und nicht einfach mutig sein, eine neue Partei in mein Leben zu lassen. Im Wahl-O-Mat stand VOLT ganz oben. Noch kleinere Parteien wie „Partei des Fortschritts“, „Partei der Humanisten“ und die „V- Partei hoch 3“ wurden auch recht hoch bei mir gerankt. Da ich hier im Ort auch noch eine Wahlkampfveranstaltung einer etablierten Partei, die ich jahrelang gewählt hatte, besucht hatte und völlig unzufrieden danach war, wagte ich den Schritt. Ich wählte zum ersten Mal VOLT, die auf 2,6 Prozent als paneuropäische Partei kam. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte ich überlegt, für eine Partei zu plakatieren.

      Breaking Point waren dann die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen 2024. Die AfD hatte 30,6 bzw. sogar 32,8 Prozent erreicht. Fast ein Drittel der Menschen in diesen Bundesländern wählte eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei, deren Spitzenkandidat für Thüringen gerichtsfest als Faschist bezeichnet werden darf.

      Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade zurück von der Allgäu Pride 2024, dem CSD in Kaufbeuren, wo ich mich als bisexueller Mann in einer hetero-normativen Ehe für die Sichtbarkeit und Stärkung queerer Rechte eingesetzt hatte. LGBTQIA+- Rechte sind Menschenrechte!

      Wie erlebst Du Deinen Einstieg in die politische Arbeit?

        Da ich auf dem CSD in Kaufbeuren 2024 Vertreter*Innen aller möglichen Parteien mit Redebeiträgen gehört hatte, schrieb ich VOLT Allgäu über Instagram an, dass ich sie dort vermisst habe. Schon wurde ich zum Meet & Greet nach Lindenberg im Allgäu keine 2 Wochen später eingeladen, verstand mich mit allen anwesenden Personen im direkten Austausch hervorragend und war sofort eingebunden. Dadurch, dass es sich um eine recht junge Partei mit einem Altersdurchschnitt von 35 Jahren handelt, ist die Hierarchie sehr flach, man wird pragmatisch und schnell involviert. Schon stand ich an mehreren Infoständen, nahm an einigen Meet & Greets und sogar einem Workshop bei „Asyl in Kempten“ mit dem Thema „Populistische Parolen argumentativ begegnen“ teil. Richtig motivierend ist auch, dass ich mich als „Streetteam“ sehe, unabhängig von Bundesland und Ländergrenzen politisch aktiv sein kann. November 2024 war ich bei VOLT Hamburg zur Unterstützung der Unterschriftensammlung bezüglich der dortigen Bürgerschaftswahlen 2025. Im Dezember 2024 war ich beim Landesparteitag von VOLT Baden-Württemberg in Freiburg und im Januar 2025 in Riesa bei der Großdemo gegen den AfD-Bundesparteitag zusammen mit VOLT Dresden.

        Welche Herausforderungen oder Überraschungen gab es?

          Für mich persönlich ist es immer noch eine Herausforderung, dass es eine digitale Partei ist und ich leider keine passenden Endgeräte dafür habe. Diese Zeilen schreibe ich auf einem Laptop, der 15 Jahre alt ist und mein Smartphone hat auch schon einige Jahre hinter sich. Auch der sogenannte „Onboarding-Prozess“ mit „Get Ready-Call“ war für mich persönlich als kein „digital native“ herausfordernd. Zudem gab es erhebliche technische Schwierigkeiten, bis ich endlich volles Partei-Mitglied wurde.

          Als positive Überraschung habe ich die Vernetzung über Instagram erlebt. Meine VOLT Community ist da sehr offen für interessante Dialoge, Streams und Aktionen. Auch die Reels von vielen Personen sind wirklich auch inhaltlich spannend! Am Besten finde ich, dass ich jetzt überall hinfahren und VOLT-Partei-Kolleg*innen treffen kann. Man weiss einfach, dass das Mindset stimmt!

          Warum engagierst Du Dich gerade bei VOLT und nicht bei einer anderen Partei?

            Während ich das hier schreibe, kam der neue Wahl-O-Mat zu den Bundestagswahlen 2025 heraus. Mein Ergebnis liegt bei 92,9 Prozent VOLT und nur 11 Prozent AfD. Das ist wohl sinnbildlich und repräsentativ für meine politische Einstellung. Ich bin seit über 20 Jahren politisch interessiert und ein großer Anhänger der ursprünglichen Form des Liberalismus. Jedes Individuum darf sich frei entfalten, ohne dass der Staat sich groß einmischt, solange die Rechte von anderen Menschen respektiert und eingehalten werden. Im linksliberalen Spektrum bringt VOLT einen frischen Wind mit rein und ist sehr progressiv und offen für neue Technologien. VOLT wurde anlässlich des Rechtsrucks in Europa gegründet. Europa muss enger zusammenrücken gegen Trump auf der einen und Putin auf der anderen Seite. Dazu möchte VOLT vieles zentralisieren. Zum Beispiel eine Europäische Armee und einen Ausbau der Befugnisse von Europol im Bereich der Sicherheit. Zudem handelt VOLT pragmatisch mit dem Modell des „best practice“. Dazu werden vorhandene bestmögliche Lösungen der europäischen Staaten genutzt, um auch Deutschland weiterhin wettbewerbsfähig und vor allem lebenswert zu machen. Zum Beispiel in Litauen ist die Digitalisierung von Behördengängen weit fortgeschritten, das Bildungssystem in Finnland ist bekanntermaßen sozial gerecht und modern, das ÖPNV-Netz in Zürich ist so mit E-Bussen bestückt und getaktet, dass es eine sinnvolle Alternative zum Individualverkehr darstellt.

            Meine persönlichen Prioritäten liegen beim Klimaschutz. Durchaus auch bei konsequenten Maßnahmen, die noch viel stärker als bei den etablierten Parteien von VOLT gefordert werden. VOLT setzt auf das Ende der fossilen Brennstoffe und möchte Tempolimit 130 auf deutschen Autobahnen einführen, was meiner Meinung nach längst überfällig ist. Zudem kann jede Person individuell einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten. Verzicht auf unnötige Kurzstrecken-Flugreisen, Umstieg auf ÖPNV und auch Verzicht auf übermäßigen Fleischkonsum müssen durch positive Anreize attraktiver werden.

            Zudem ist VOLT zusammen mit der Linken die einzig verbliebene Partei mit relevantem Ergebnis, die noch pro-Asyl und pro-Migration ist. Es ist unsere humanitäre Pflicht, politisch verfolgte Menschen aufzunehmen und es garantiert auch Deutschland weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, da unser demografischer Wandel ohne Zuwanderung ein Schrumpfen der Einwohnerzahl zur unmittelbaren Folge hat.

            Soziale Gerechtigkeit ist eine weiterer sehr wichtiger Punkt. Reiche Menschen haben einen weit höheren CO2-Verbrauch als Menschen mit durchschnittlichem Einkommen. Deswegen sollten sie auch höher besteuert werden. Dagegen müssen Miet-Erleichterungen für Mieter*innen endlich politisch konsequent und flächendeckend umgesetzt werden.

            VOLT ist eine Partei für Diversität und Inklusion. Gerade Frauenrechte (sowie Rechte von flinta*- Personen) müssen gestärkt und umgesetzt werden. 

            Gleiches Gehalt unabhängig von Herkunft und Geschlecht bundesweit. Pro-Choice und Abschaffung des §218 StGB soll legale Abtreibungen ermöglichen.

            Was möchtest Du mit Deinem Engagement bewirken?

              Seit 2018 bin ich wieder auf Demos gegen den Rechtsruck auf die Straße gegangen. Das war mir irgendwann zu wenig und nur gegen etwas zu sein, schafft nicht gerade Hoffnung. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen wieder auf CSD-Veranstaltungen und Pride-Demos zu gehen. Man ist kollektiv für eine Sache und das stimmt optimischer. Den Schritt zur Partei mit über 40 wagte ich, weil für mich politisches Engagement so viel nachhaltiger sein kann. So kann ich auch die Welt von morgen, in der mein 11-jähriger Sohn leben wird, mit beeinflussen.

              Bei den Protesten gegen den Bundesparteitag der AfD in Riesa merkte ich bereits bei der Abreise auf dem Gleis, dass davon wohl nicht viel bleibt. Auch ich bin aus Süddeutschland angereist, um solidarisch zu sein.

              Da ich wie bereits eingangs erwähnt in sechs verschiedenen Bundesländern gelebt habe, weiss ich, dass es auch innerhalb Deutschlands eine völlig unterschiedliche Lebensqualität und vor allem konträre Lebensrealitäten gibt.

              Gerade meine sieben Jahre in Sachsen-Anhalt mit extremen Gewalterfahrungen durch militante Neonazis, Hooligans und Rockern haben mich sehr negativ geprägt und ich befinde mich derzeit auf Grund von einer komplexen PTBS und Depressionen in einer ambulanten Traumatherapie. Schon damals war rechtes Gedankengut auch in der dortigen Bevölkerung weit verbreitet und akzeptiert. Durch PEGIDA, die AfD und die Querdenker-Szene wurde es erst wirklich medial aufgegriffen und damit sichtbar.

              Mir hilft es, meine persönlichen traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten, indem ich davor warne, aufkläre und hier in Süddeutschland politisch aktiv bin.

              Die Demokratie muss wehrhaft bleiben und ich werde weiterhin die freiheitlich demokratische Grundordnung verteidigen. Auch wenn es nur noch ehrenamtlich über eine Parteimitgliedschaft ist.

              Danke für Deine Einblicke und Deinen Einsatz, lieber Greg!

              Lust auf mehr Stimmen?

              In Teil 1 der Reihe habe ich mit Monika gesprochen, die Mitglied bei den Grünen geworden ist.

              Wenn Du auch etwas zu Deinem politischen Engagement erzählen magst, oder jemanden kennst, mit dem ich unbedingt sprechen sollte, schreib mir an coffee2stay.blog[@]gmail.com.

              Ein Gedanke zu “Eine Tasse Kaffee lang politisch: Greg

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