Ich nenne Heimat das Land, dessen Probleme mich direkt angehen. Das mich fordert. Das Land, um das man sich kümmert, gerade wenn es schwierig wird. Das Land, zu dem ich stehe. Um dessen Gegenwart und Zukunft ich kämpfe. Das nenne ich Heimat. Und bestimmt nicht nur ich. (S. 14)

Ich habe Internationale Beziehungen studiert, auf Landes- und Bundesebene politisch gearbeitet und war knapp sieben Jahre lang Mitglied einer Partei (über die ich heute nur noch den Kopf schütteln kann). Und doch lese ich inzwischen selten politische Bücher.
Da wir eine deutsch-amerikanische Familie sind, ist es aktuell mit jedem Abend ein bisschen schwieriger, die Nachrichten auszuhalten. Und gerade seit ich Mutter einer Tochter bin, fällt es mir schwerer, so manches einfach zu akzeptieren. Auf beiden Seiten des Atlantiks. Ich versuche, informiert zu bleiben, dabei aber trotzdem in den Schlaf zu finden.
Warum Robert Habeck?
Seit einigen Monaten ist Robert Habeck in meinem Insta-Feed sehr präsent. Ob das an meiner eigenen Bubble liegt oder daran, dass er als Kanzlerkandidat der Grünen nun mal da ist, weiß ich nicht. Was ich weiß: Die Grünen waren mir für lange Zeit genau das – zu grün. Natürlich sind Klima und Umwelt auch mir wichtig, aber es gab es noch so viele andere Themen, die mir noch wichtiger waren. Vielleicht ist es meiner Tochter geschuldet, dass ich jetzt etwas aufmerksamer zuhöre. Wer ist also dieser Mensch Robert Habeck? Das wollte ich erfahren und habe sein neues Buch gelesen.

Hoffnungsvoll politisch zwischendurch
Ich habe Robert Habecks Buch Den Bach rauf (der Gegenentwurf zu „den Bach runter“) in knapp zwei Stunden gelesen, verschlungen, mit Klebestreifen markiert. Immer wieder gingen mir die Farben aus. Ich habe mehr als einmal eine Träne vor Rührung verdrückt. Denn was und wie er schreibt ist nahbar, reflektiert und offen:
In den vergangenen Jahren habe ich viele politische Rückschläge erlebt. Kaum war ein Problem gelöst oder dabei, gelöst zu werden, schlug das nächste mit voller Wucht auf. Wie oft habe ich mir gedacht: Nicht das auch noch! Wie oft gewünscht, ich könnte die Augen schließen, bis zehn zählen, und dann wäre das Problem verschwunden, wissend, dass es nicht so sein wird. Ja, es gab auch die Frage: Soll ich aufhören mit der Politik? Warum ist es eigentlich mein Problem, warum mache ich es zu meinem, warum geht es mich etwas an? Ich könnte auch etwas anderes tun und es anderen überlassen. Irgendwer wird sich schon kümmern. (S. 10)
Und es ist ja genau das: „Irgendwer wird sich schon kümmern“. Glaubt denn irgendwer allen Ernstes, dass Robert Habeck sich seine Amtszeit als Wirtschaftsminister so vorgestellt hatte? Mit Energieknappheit (die übrigens auf 16 Jahren CDU und der Abhängigkeit von russischem Gas fussen), mit Krieg in Europa, mit Waffenlieferungen an die Ukraine?
Habeck schreibt in seinem Buch immer wieder darüber, warum er sich engagiert. Er berichtet auch von dem Angriff, als seine Frau und er im Januar 2024 daran gehindert wurden, nach ihrem Kurzurlaub auf Hallig Hooge von der Fähre zu gehen. Er schreibt von Zweifeln, von Diskussionen, ob er weitermachen soll. Er macht sich angreifbar. Warum er trotzdem weitermacht?
… die Krisen verschwinden nicht, wenn man wegschaut, die Aufgaben erledigen sich nicht von selbst, wenn man die Tür hinter sich zumacht, sie werden auch nicht kleiner, wenn man sie laut beklagt. Im Gegenteil: Sie werden noch größer, wenn man den Untergang an die Wand malt und damit jenen Diktatoren und Autokraten, die unsere Demokratie und Freiheit zerstören wollen, einen Dienst erweist. (S. 19)
Fazit
Ich bin vor gut zwanzig Jahren in die Politik gegangen, weil ich Probleme sah und mich kümmern, einbringen wollte, Bullshit-Reden so wenig ertragen konnte wie permanente gegenseitige Schuldzuweisungen, weil ich von Politikern nicht erwartete, dass sie nie Fehler machen, wohl aber dass sie diese dann zugeben, damit ich ihnen im besten Fall verzeihen kann. Da ist nicht anders geworden. Ich kann es kaum ertragen, wenn das Land und seine Debattenkultur von Hass und Missgunst vergiftet werden. Wenn immer nur die anderen schuld sind. (S. 138)
Natürlich gibt es den Politiker Habeck nicht ohne die Grünen. Klima und Umwelt sind immer noch Kernthemen des grünen Portfolios. Aber da ist noch mehr. Da ist die Wirtschaft (auch wenn absichtlich geschaffene und geteilte Fake News das der Partei und Minister Habeck regelmäßig absprechen wollen), da ist die Sicherheit Deutschlands (und das ganz ohne Nazi-Sprech!), da ist Europa. Und falls Du Dir darüber auch noch nie Gedanken gemacht hattest: Das Anhängsel „Bündnis 90“ im Namen geht auf mehrere Oppositionsgruppen in der DDR zurück, die später eine politische Partei wurden und 1993 in den Grünen aufgingen. Auf diesem Erbe fusst auch die Verpflichtung zur Erinnerung an die SED-Diktatur.
Und doch ist Robert Habecks Den Bach rauf kein Wahlkampfprogramm der Grünen. Es ist auch kein politisches Manifest. Er selbst nennt es in der Unterüberschrift „Eine Kursbestimmung“. Es sind die Gedanken eines Politikers über unser Land. Über das was ist, das was (auch unter ihm) schief gelaufen ist und das was sein könnte. Habeck schreibt norddeutsch direkt, leicht verständlich und reflektiert. Er macht sich selbst nicht besser und andere nicht schlechter – und genau das ist dieses Menschliche, das so viele an ihm mögen.
Ich gebe dem Buch 5 von 5 Sonnenblumen.
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