In dieser Rezension liest Du:

[Unbezahltes Rezensionsexemplar, meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst]
Dank der Tandem Collective, Amazon Buch und dem Verlag Tinte und Feder durfte ich im Rahmen eines Readalongs Stürmische Brise von Caren Benedikt lesen.
Über die Handlung
Der Roman Stürmische Brise spielt 1904 an verschiedenen Orten auf der Ostsee-Insel Usedom mit einigen Rückblicken in die Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht die Familie von Höveln, die mehrere Hotels auf der Insel betreibt. Die Handlung findet hauptsächlich in der Villa der Familie, im Grand Hotel Ahlbecker Hof sowie im im Bau befindlichen Literaturhotel Atlantic statt.
Familie von Höveln besteht aus Vater August-Wilhelm, seiner Schwester Theodora sowie den Töchtern Maria, Sophie und Helene. Weitere zentrale Figuren sind Fischersohn Christian Grote, der britische Butler Edward Miller und August-Wilhelms Schwiegersohn Friedrich Kaminski. In einigen Rückblenden erfahren wir außerdem mehr über August-Wilhelms unter mysteriösen Umständen verstorbene Frau Benedikte.
Über die Sprache
Caren Benedikt schafft es, mit ihrer Sprache einerseits eine tiefe Empathie für einige Figuren zu schaffen, andererseits regelrecht Abscheu. Wie oft hat mich beim Lesen Friedrich Kaminski auf die Palme gebracht! Aber auch das zeichnet eine tolle Autorin aus.
[…] ich werde den Ahlbecker Hof gewiss immer schöner finden als jedes andere Hotel“, meinte Maria, um einen gefälligen Tonfall bemüht. Keineswegs wollte sie zugegeben, dass ihr das Vorhaben, ein Hotel für Literaten oder wen auch immer zu bauen, geradezu absurd erschien. Zudem hatte Friedrich ihr erklärt, dass das viele Geld, das dort hineinfloss, am Ende von ihrem Erbe abgehen würde, was Maria tatsächlich einige Sorgen bereitete. (S. 115)

Über das Lesegefühl
Caren Benedikt ist es gelungen, mit diesem Buch den Wunsch nach mehr zu schaffen. Wie gerne hätte ich noch mehr über Butler Edward Miller erfahren, mehr über das Innenleben von Schwester Sophie.
Benedikt schafft so eine wunderbare Atmosphäre im Grand Hotel Ahlbecker Hof, dass ich direkt Lust bekommen habe, für ein langes Wochenende an die Ostsee zu fahren, mir von einem Butler die Wünsche von den Augen ablesen zu lassen, einfach nur zu genießen und im Strandkorb die Seele baumeln zu lassen.
Mich hat die Progressivität der Familie beeindruckt, die es ermöglicht, dass die jüngste Tochter Helene gemeinsam mit ihrem Vater ein Hotel nach ihren Wünschen baut, das sie selbst leiten soll. Zur Erinnerung: 1904 dürfte das nicht der Standard gewesen sein. Helenes älteste Schwester steht im krassen Gegensatz dazu. Sie ist mit dem unsäglichen Friedrich Kaminski verheiratet und ähnlich wie er scheint sie das Arbeiten nicht erfunden zu haben. Beide wollen sich auf der harten Arbeit der Eltern ausruhen.
„Zum Beispiel, weil Helene damit die Gelegenheit bekommt, ihr eigenes Geld zu verdienen, zumindest bis sie verheiratet ist“, führte Sophie an. „Was meinst du damit, ihr eigenes Geld?“, fragte Maria erstaunt. „Ganz einfach, sie wird natürlich Lohn erhalten, wenn sie dort arbeitet“, antwortete Theodora. „Wofür?“, empörte sich Maria. „Ich meine, sie kann doch unmöglich dafür bezahlt werden, dass sie das macht, woran sie Freude hat. Dann möchte ich künftig auch Geld bekommen, wenn ich zur Schneiderin gehe. […] (S. 117)
Auch Mutter Benedikte war sehr fortschrittlich, denn sie hatte eine Schule für wenig privilegierte Kinder erschaffen, in denen auch ihre eigenen Töchter zeitweise gelernt haben. Diese Vermischung unterschiedlicher Gesellschaftsschichten ist zumindest ungewöhnlich, gleichzeitig aber auch erfrischend.
Caren Benedikt greift immer wieder das Thema der Rolle der Frau auf, was meist ganz natürlich zur Geschichte passt. Da ich fest daran glaube, dass Frauen sich finanziell nicht von (ihren) Männern finanziell abhängig machen sollen, hat mich insbesondere der krasse Gegensatz zwischen Maria und Helene oft irritiert. Ich musste mich ehrlicherweise immer wieder daran erinnern, dass Maria die älteste und Helene die jüngste Schwester ist. Denn den Beschreibungen des Verhaltens nach wirkt Helene auf mich so viel reifer.
Du wirst das Buch mögen, wenn
- Du historische Romane magst
- Du gerne Bücher über starke Frauen liest
- Du Lust auf „Vitamin Sea“ hast
- Dich ungelöste Rätsel nicht loslassen
Ich gebe dem Roman Stürmische Brise 4 von 5 Zimmerschlüsseln. Für mich sind noch einige Fragen offen, die Bände zwei und drei hoffentlich beantworten.
Im Oktober erscheint Wogende Wellen, der zweite Teil der Grand Hotel Usedom-Reihe.
Wenn Du noch mehr Lesefutter mit tollen Frauen in historischen Romanen suchst
In The Instrumentalist von Harriet Constable geht es um Anna Maria della Pietà, Mentee von Antonio Vivaldi und Maestra.
In Marie Benedicts The Only Woman in the Room geht es um Hedy Lamarr.
In Jodi Picoults By Any Other Name spielt Emilia Bassano eine tragende Rolle, der mögliche Kopf hinter einigen von Shakespeares Werken.
Marie Benedict hat außerdem Rosalind Franklin in Her Hidden Genius unsterblich gemacht, die Frau, die DNA entdeckt hat (und nicht den Nobelpreis dafür bekommen hat).
Stephanie Dray hat mit Becoming Madam Secretary ein spannendes Buch über Frances Perkins, die erste weibliche US-Arbeitsministerin unter Franklin Delano Roosevelt, geschrieben.
Pingback: Wochenrückblick mit Laubfärbung und Regen - Coffee to stay
Pingback: Wochenrückblick mit Süßem, Saurem und Sprachfrust - Coffee to stay